12.07.2019

Härtetest im Strelasund zu Ehren eines verstorbenen Familienmitgliedes

SV Blau-Weiß Dahlewitz: Gabriela und Cynthia Schiller kämpfen sich unter erschwerten Bedingungen ins Ziel.

Am Donnerstag hatten sich die letzten Nachwirkungen endgültig verflüchtigt, Gabriela Schiller hatte die Energiespeicher nach der fast zweistündigen Strapaze wieder aufgefüllt. „Ich hatte eigentlich gar keinen Muskelkater“, sagt die Dahlewitzerin, „aber man war doch drei, vier Tage ziemlich geschafft, weil der Wettkampf natürlich sehr viel Substanz gekostet hat“. Kein Wunder: Am Sonnabend hatte die 59-Jährige gemeinsam mit ihrer Tochter Cynthia beim Sundschwimmen eine 2,4 Kilometer lange Strecke an der Meeresstraße zwischen dem Festland und der Ostseeinsel Rügen bezwungen.

Ein völlig anderes, neues sportliches Kapitel für Gabriela Schiller, die bis vor wenigen Wochen die Damen-Fußballmannschaft des SV Blau-Weiß Dahlewitz trainiert hat und sich in der Frauenfußball-Abteilung weiter für die Organisation mitverantwortlich zeichnet. Auslöser war ein familiärer Schicksalsschlag: „Mein Bruder ist vor zwei Jahren gestorben“, sagt Gabriela Schiller, „er hat in Sassnitz auf der Insel Rügen gelebt und ist mehrmals beim Sundschwimmen angetreten. Wir wollten die Familientradition für ihn fortsetzen, hatten Buttons mit seinem Namen beim Wettkampf auf unseren Schwimmanzügen.“

Mitte Januar fiel dann durch einen glücklichen Umstand der endgültige Startschuss für die Sache mit dem Sund: Die Schillers ergatterten einen der begehrten Startplätze – innerhalb weniger Minuten waren wieder alle Tickets vergriffen – für die 55. Auflage des traditionsreichen Freiwasserschwimmens. „Wir haben uns vorgenommen, mindestens einmal pro Woche zu schwimmen, um uns vorzubereiten. Anfangs waren es 600 Meter, dann wurde das Pensum gesteigert.“ Gabriela Schiller wird zwar tatkräftig von ihrem Lebensgefährten Heinz Nitschke unterstützt, das Unternehmen Meeresenge nimmt aber separat von ihrer Tochter Fahrt auf – Cynthia lebt in der Nähe von Bonn. Und: Meeresbedingungen kann man in Schwimmhallen und den märkischen Gewässern nicht simulieren.

Am Wettkampftag sind die Bedingungen dann noch ein bisschen schwieriger als sonst, der Kampf gegen die Widrigkeiten noch ein bisschen größer: Wegen starker Strömung und niedriger Wassertemperatur muss der Wettkampf, wie schon im Vorjahr, an der Küste von Parow nach Stralsund entlangführen. Ein Grund: Windvorhersagen, es wurden Böen mit bis zu sieben Windstärken erwartet. Knapp 950 Männer und Frauen gingen ins Wasser, 864 erreichten das Ziel. Die Wassertemperatur erreichte mit gut 16 Grad gerade einmal die Mindesttemperatur für das Langstreckenschwimmen. 66 der angereisten Schwimmer verzichteten auf den Wettkampf. Ursprünglich hatten sich 1070 Männer und Frauen angemeldet.
Anmeldung für das 56. Sundschwimmen geplant

Auch für die Schillers gibt es vor dem Rennen noch einmal einen Schlüsselmoment: „Es war wirklich sehr kalt“, berichtet Gabriela Schiller, „und als wir am Ufer standen, haben wir uns kurz angeschaut und das Gleiche gedacht: Wagen wir es? Ohne ein Wort zu sprechen sind wir dann Hand in Hand ins Wasser und losgeschwommen“. Der Kampf beginnt. „Das Zeitgefühl war uns völlig abhanden gekommen. Dann kamen die Wadenkrämpfe und ab und zu stiegen andere Schwimmer aus. An manchen Stellen waren die Wellen besonders hoch, aber wir schwammen einfach weiter, von Boje zu Boje, jede wurde bejubelt, die wir geschafft haben“, schreibt Gabriela Schiller auf der Vereinshomepage.

„Irgendwie haben wir als Freizeitschwimmer das Ziel erreicht. Wahnsinn, wir können es immer noch nicht glauben, dass wir es wirklich durchgezogen und 1:45 Stunden im kalten Wasser ausgehalten haben.“ Die körperlichen Langzeitwirkungen hatten sich am Donnerstag endgültig gelegt, aber etwas von dem Hochgefühl, ganz Besonderes geschafft zu haben, ist geblieben und soll bleiben. „Das Härteste und Krasseste auf sportlichem Gebiet was wir je gemacht haben“, sagt Gabriela Schiller stolz, „jetzt wollen wir natürlich auch mal bei schönen Wetter den Sund überqueren. Somit wird es wohl eine Anmeldung für das 56. Sundschwimmen geben.“

Lars Sittig
Märkische Allgemeine Zeitung

Link zum Originalbeitrag der MAZ von Lars Sittig

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